Die Debatte über „kulturelle Aneignung“

Die Debatte um kulturelle Aneignung (cultural Appropriation) nimmt gefühlt immer mehr Raum ein. Im Missy Magazine erschien ein Artikel über die Fusion, bei dem mensch den Eindruck bekommen könnte, auf der Fusion sei Rassismus genau so präsent, wie auf einem Landserkonzert. Auch in anderen linken Zeitungen sind im letzten Jahr unzählige Artikel erschienen, die sich mit „kultureller Aneignung“ und „critical whitness“, Sensibilisierung und bis hin zur Einführung von Verboten beschäftigen. Ursprünglich ein Forschungsfeld, wird critical whitness im öffentlichen Diskurs, welcher hauptsächlich auf Blogs und in Zeitungen statt findet, zur Ideologie gemacht. Die Definition, ab wann nun „kulturelle Aneignung“ beginnt und ob daraus Konsequenzen wie Verbote für Dreadlocks und Gerichten anderer Kulturkreise folgen sollen, ist dabei nie Einheitlich und erscheint in aller Regel willkürlich. Dadurch entsteht ein Problem für Kritiker*innen, die sich deshalb meist an konkreten Beispielen abarbeiten. Von Vertreter*innen wird diese Kritik dann entweder dadurch diskreditiert, dass es sich um „Einzelbeispiele“ handele, welche nichts mit der Theorie zu tun hätten, oder Kritiker*innen wir auf Grund der Tatsache, dass sie kritisieren unterstellt, sie würden sich auf ihren „weißen Privilegien ausruhen“. Deshalb will ich versuchen meine Gedanken zu diesem Thema möglichst abstrakt zu halten, um möglichst universelle Anwendbarkeit zu erreichen.


Wo ist die Utopie
?
Eine vernünftige Theorie sollte immer von dem Standpunkt der zu erreichen gewünschten Utopie gedacht werden, um sich nicht ins Nichts zu verrennen. Das ist wichtig, da wir als Anarchist*innen die Utopie so weit wie möglich vorleben sollten. Wie soll eine Gesellschaft ohne kulturelle Aneignung aussehen? Diese Frage bleibt ungeklärt. Es sind vor allem zwei Extreme festzustellen. Auf der einen Seite gibt es Vertreter*innen die im höchst angriffslustigen Ton, alles was aus anderen Kulturkreisen übernommen wird, als rassistische Praxis beschimpfen. Und auf der anderen Seite welche die davon sprechen, nichts verbieten zu wollen, es ginge um Selbstreflektion und eine Kritik am Ausverkauf fremder Kulturen.
Bei der ersten Variante könnte mensch den Eindruck, wir sollen uns unbedingt den bürgerlichen Habitus annähern und Subkulturen wie Punk, Hippie, Hardcore, HipHop etc. auf Grund von Dreadlocks, Iros, Tunneln,Tätowierungen und Musik abschaffen, weil rassistisch! Manchmal ist aber nur von Dominazkultur. Dann dürften Subkulturen allerdings nicht betroffen sein, oder? Angegriffen werden sie meist trotzdem.
Weiter Forderungen sind, dass Weiße kein Essen aus anderen Kulturkreisen öffentlich zubereiten. Und auch Karl May soll aus dem Bücherregalen Europas und Amerikas für immer verschwinden.
Nach den gemäßigten Vertreter*innen bräuchte sich im subkulturellen und politischen Kontext eigentlich nicht viel ändern. Es ginge nur darum zu reflektieren, was gewisse Dinge in anderen Kulturkreisen für eine Bedeutung haben. Wobei bei beispielsweise Dreadlocks und Iros im Punk ebenfalls ein Widerstandssymbol gegen die westliche Gesellschaft darstellen, wie auch in der schwarzen Bewegung. Des weiteren würde entsprechende Verwertungsmechanismen im Kapitalismus kritisiert. Ich fände diese Variante sogar begrüßenswert, allerdings erscheinen diese sehr seltenen Meinungen meist als herunterspielende Antwort, nachdem ein emotional geladener Hassartikel von den Kritikern zerrissen wurde.
Es ist wohl klar, dass eine Theorie, welche Menschen nach biologistischen Kriterien eine bestimmte Rolle zuteilt, mit einer libertären Utopie einer emanzipatorisch und egalitären Gesellschaft unvereinbar ist.
Letztendlich bleibt die critical Whitness-Fraktion die Antwort schuldig, wie ihre Ideen in einer solchen Utopie platz finden, und wie das in der Praxis ganz konkret aussehen soll. Wo verlaufen die Grenzen zwischen Austausch und Aneignung? Gehören Subkulturen, vor allem jene, die im Widerstand gegen die westlichen Gesellschaft stehen und Kommerzialisierung Ablehnen, zur Dominanzkultur? Sollen diese zukünftig auf elemtare Symbole zum Ausdruck ihres Widerstandes verzichten, sobald diese auch in einer beliebigen marginalisierten Kultur vorkommen?


Das Problem des Kulturbegriffes

Allen Richtungen der „kulturellen Aneignung“ ist gleich, dass sie auf einem westlichen, „weiß“ dominierten Kulturverständnis beruhen, dass durch erst durch die Kolonialisierung weltweite Verbreitung gefunden hat. Dieses Kulturverständnis stellt allerdings keinen universalen Bestandteil aller Kulturen da. So gibt es beispielsweise Indianerstämme, wie die Yanomamis, die kein Eigentum kennen.
Je nach Geburt und Hautfarbe werden alle Menschen Großkollektiven zugeordnet, welchen mal mehr mal weniger willkürlich kulturelle Etiketten als Eigentum zugeschrieben werden. Das klingt nicht nur reaktionär, sondern ist es auch. Hier beißt sich die Ratte gleich zweimal in den Schwanz.
Ich bin jedenfalls der Auffassung, dass geistiges Eigentum abgeschafft werden sollte. Diese Theorien verlangen allerdings danach es zu erhalten und zu erweitern. Natürlich möchte ich darauf hinweisen, dass es auch in einer Gesellschaft, frei von geistigen Eigentum, ein respektvoller Umgang Konvention sein soll. Das gilt natürlich auch für kulturelle Aspekte, schließt allerdings Verbote und Rassismusgeschreie aus, da eine Übernahme das gute Recht jedes*r Einzelnen ist. Hier wird auch deutlich, dass die Utopie fehlt, oder zumindest nicht mit gelebter anarchistischer Praxis vereinbar ist.
Zweites Problem ist, dass Aufzwingen der Eigentumskultur in Kulturkreise, die Eigentum ablehnen, beispielsweise die oben genannten Yanomami. Wenn das nicht koloniale Qualität hat!
Es bleibt auch noch die Frage zu klären, wie bei konsequenter Trennung der ethnischen Gruppen, ein soziales Auseinanderdriften der Ethnien verhindert werden­ und ein Gemeinsames hergestellt werden soll. (Dieser Satz bezieht sich auf die extremeren Ansätze).

Schwarz/Weißdenken
Durch die Einordnung in die biologischen Schubladen entsteht ein schwarz/weiß-Schema, welches andere privilegiengebenden Umstände wie Geschlecht, Klasse, Schönheitsideale usw. ausblendet. Obama ist zum Beispiel ist viel privilegierter als die Mehrheit der Weißen, erfassen kann solche Klassenunterschiede diese Theorie aber nicht. Gerne wird auch behauptet das PoCs durch Dreadlocks am Arbeitsplatz diskriminiert werden, Weiße aber nicht. Falsch! Das Problem besteht eher darin, dass bei PoCs sich in diesem Fall zwei Diskriminierungskatalysatoren addieren (natürlich nie 1:1). Solche Behauptungen werden in erster Linie von äußerlich angepassten Menschen, oder von Großstädtern, mit wahrscheinlich akademischer oder sozialer Laufbahn aufgestellt, die den Fehler machen, den sie an anderen vorwerfen: Nämlich die eigenen Privilegien nicht hinterfragen. Im Umkehrschluss zeigt dieses Beispiel aber auch schön, dass es tatsächlich vorteilhaft sein kann, die eigene gesellschaftliche Position zu hinterfragen und so Fehlschlüsse zu vermeiden. Mit seinem schwarz/weiß-Schema reiht sich die cultural Appropriation jedenfalls in eine Reihe traditionell engstirniger bürgerlicher Theorie ein.


Individuelle Freiheit vs. Verbote

In meiner Auffassung anarchistischer Theorie ist die Selbstbestimmung das aller höchste Gut. Es soll nur da beschnitten werden, wo tatsächlich andere in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Durch das Übernehmen „geistigen Eigentums“, bei respektvollen Umgang, entsteht allerdings kein Schaden beim Urheber (Wer Urheber ist, ist allerdings in kulturellen Angelegenheiten kaum festzustellen). Somit steht jeden*r frei sich zu kleiden und den Lebensraum frei zu gestalten wie er*sie will. Das davon beispielsweise Nazisymbole ausgenommen sind, sollte klar sein, da diese Gleichzeitig ein Statement sind, die Freiheit anderer einschränken zu wollen.

Diskriminierung durch Verwechslung
Jetzt wird es komplizierter, da wahrscheinlich verschiedene Theorievertreter*innen hier unterschiedliche Ansichten haben, alle Ansichten aber problematisch sein können. Ich kann es auch leider nur an konkreten Beispielen festmachen. Es gibt beispielsweise tatsächlich Menschen die Eminem kulturelle Aneignung vorwerfen. Die Begründung dürfte klar sein. Als Weißer eignet er sich HipHop, die Ausdrucksform der PoCs aus der amerikanischen Unterschicht an, wird damit berühmt und Millionär. Das Problematische an der Kritik ist allerdings, das Eminem selber als einzelner weißer zusammen mit den PoCs in Warren mit der HipHop Kultur groß geworden ist. Es ist also seine eigene Kultur und trotzdem wird ihm kulturelle Aneignung vorgeworfen. Ich halte das für ziemlich unfair.
Die meisten würde das wohl nicht als kulturelle Aneignung sehen, da Eminem zwar die falsche Hautfarbe, aber wenigstens in die Armut, aus der die HipHop Kultur entstanden ist, hinein geboren wurde. Problematisch kann es hier aber trotzdem werden. Durch erhitze Gemüter und Halbwissen könnten trotzdem solche Vorwürfe lautwerden. Das selbe kann auch weiße Rastafari oder Juden treffen, die das Gelübte des Nasiräers geleistet haben und deshalb Dreadlocks tragen. Für die „Mitglieder“ der „Kultur“ kein Problem, für einige „Linke“ scheinbar schon, wenn sie „Weiße“ dazu auffordern ihre Dreadlocks abzuschneiden (Bsp.: No Border Camp Köln 2012). Ist das die gerechte Gesellschaft? In der mensch jeden*r willkürlich Rassismus oder kulturelle Aneignung vorwirft?


Dekonstruktion statt Reproduktion

Die fehlende Zukunftsperspektive weist schon auf das Glatteis, auf dem sich die Theorie bewegt, hin. Fest steht jedenfalls, dass eine Theorie, welche nach biologistischen Kriterien wie der Hautfarbe und dem Geburtsort sortiert und daraus individuelle Rechte ableitet, in einer egalitären Utopie keinen Platz findet. Die Freiheit des Individuums durch Eigentumsrechte kollektiver Gruppierungen zu beschneiden, erscheint mir im Widerspruch zum Vorleben anarchistischer Praxis. Weiter sind die Hauptleidtragenden solcher Theorien Subkulturen, die in Opposition zur westlichen Herrschafts- und Ausbeutungskultur stehen und innerhalb der westlichen Gesellschaft eine Minderheiten bilden. Es ist definitiv eine abzulehnende Praxis diese Menschen nicht in den Diskurs einzubinden, indem er vor allem von einer akademischen Elite getragen wird. Obendrein bleiben die kulturellen Hintergründe und Entstehungsgeschichten der jeweiligen Subkulturen komplett unberücksichtigt. Durch den aggressiven Ton und der Forderung nach Sanktionierung von Subkulturen und Einzelpersonen, werden die sinnvollen Ansätze im Keim erstickt. Unklar bleibt auch, wie innerhalb dieser Theorie mit „weißen“ rassistisch marginalisierten Minderheiten (z.B.: Juden*), welche nicht nur durch „weiße“, sondern oft auch durch PoCs diskriminiert werden, bewertet werden soll (Definition von Rassismus fehlt).
Die Menschen, für eine kulturelle Sensibilisierung und respektvollen Umgang kämpfen, sollten statt cultural Appropriation vielleicht einen Begriff wie cultural Sensitisation wählen, dann kommen sie nicht in die Unangenehme Situation, aufgrund von unzähligen Hetzberichten selbstinzenierender dogmatischer critical Whitness-Sektierer ins Kreuzfeuer zu geraten.
Es kann nicht Ziel antirassistischer Arbeit sein biologistische Kriterien zu reproduzieren. Stattdessen muss im Fokus stehen diese zu dekonstruieren! Lasst uns etwas gemeinsames schaffen!