Schmalspuraktivismus. Gedanken über ein Phänomen

Immer wieder treffe ich Menschen, welche das Eine oder das Andere politische Thema besonders nahe geht. Sie sind spezialisiert und leisten häufig auf ihren Gebiet besonders gute Arbeit, kennen sich mit theoretischen Grundlagen und deren praktischen Umsetzung besonders gut aus. Und um eines gleich vorweg zu nehmen, möchte ich hier gleich am Anfang sagen, dass das mehr als nur legitim ist. Die Auseinandersetzung mit einer speziellen Problematik ermöglicht Sensibilisierung, argumentative Stärke, einen Überblick über effektive Aktionsformen etc. und kann so ihre Wirksamkeit effektiver entfalten als wenn mensch seinen*ihren Blick mal hier, mal dorthin richtet. Natürlich hat eine breite thematische Aufstellung auch Vorteile, wenn es zum Beispiel darum geht darzustellen, was Anarchist*innen überhaupt wollen. Es soll hier aber auch nicht um Vor- und Nachteile verschiedener schwerpunktmäßiger Ausrichtungen gehen. Es soll auch nicht darum gehen, wo der Schuh im Kampf um eine emanzipierte Welt gerade am meisten drückt. Viel mehr geht es um eine Problematik, die mir dabei häufiger ärgerlich auffällt.
Das Problem: andere Bereiche verblassen nicht einfach nur hinter der Herzensangelegenheit, sie werden häufig als sekundär wahrgenommen oder sogar völlig missachtet. Das geschieht auch wenn sich auf eine ganzheitliche Gesellschaftsalternative wie den Anarchismus bezogen wird. Ich nenne so etwas einfach mal Schmalspuraktivismus.

Um das ganze mit Substanz zu füllen mal ein paar Beispiele, die ich in meinen politischen Alltag erlebt habe, oder sogar öfters erlebe. So sieht mensch immer wieder Antifaschist*innen die mit nigelnagelneuen Markenklamotten, genäht unter erbärmlichsten Bedingungen in Indien, herum laufen. Eine Feministin welche in einer Runde Veganer gelantinehaltige Süßigkeiten verteilte oder Tierrechtsaktivist*innen die sich unter dem Motto „alles für die Tiere“ mit fragwürdigen Personen und Organisationen aus dem Querfrontspektrum einlassen. Und ja, auch ich bin da nicht immer völlig korrekt und so kaufte ich mir vor einiger Zeit ein neues Handy, statt zu warten bis ich irgendwo ein gebrauchtes bekommen konnte.
Mir ist völlig klar, dass es schlicht und einfach unmöglich ist in unseren Gesellschaftsstrukturen 100 prozentig politisch korrekt zu leben oder um es mit Adorno zu sagen: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ So ist es auch völlig klar, dass beispielsweise jemand mit wenig Geld sich nicht von Biofairtradeprodukten ernähren kann. Dennoch halte ich es für nötig, das eigene Verhalten immer wieder zu reflektieren, selbstkritisch an sich zu arbeiten und sich zu fragen, wie mensch Fehler vermeiden kann, denn häufig gibt es einfache Auswege, um solches Verhalten zu verbessern. Zum Beispiel in dem mensch auf SecondHand Kleidung zurückgreift oder sich nach Möglichkeit im nächsten Umsonstladen einkleidet, auf tierische Produkte verzichtet oder auf Lebensmittel aus dem Container zurückgreift.
Es geht mir dabei nicht darum, dass jede*r perfekt sein soll, weil es eben unmöglich ist. Die meisten Menschen werden wohl immer wieder, auch wieder besseren Wissens, falsch handeln. Das ist vielleicht auch menschlich. Deshalb will ich mit diesen Text dazu anregen immer weiter an sich zu arbeiten und ganzheitlich zu denken. Die meisten dürften wohl die Zeit finden, sich auch einmal mit den von sich weniger beachteten Themengebieten auseinanderzusetzen, vor allem dort, wo sich das eigene Handeln im Alltag positiv auf diese Welt auswirken kann!
Was ich mir wünsche ist, dass gerade Linksradikale in ihrem Alltag selbstverständlicher unethischen Konsum reduzieren würden. Das soll nicht zu einer Rechtfertigungskultur führen, sondern zu einer zunehmenden Sensibilisierung für die Ablehnung von durch Ausbeutung produzierter Produkte.